Der Mensch als Geschöpf Gottes
Woher ich komme? Wozu bin ich da?
Predigt über Mose 1 -2

Liebe Gemeinde!
In der letzen Predigt des Brückengottesdienstes haben wir uns mit dem Thema Ordnung und Chaos beschäftigt. Das erste Kapitel der Bibel versucht zu erklären, in welche Ordnung wir heute leben. Erinnern Sie sich an das unaufgeräumte Kinderzimmer. Wie soll ich meinem Kind erklären, warum es das Kinderzimmer aufräumen muss und wie die Ordnung auszusehen hat?
Das erste Kapitel der Bibel spricht in einer Erzählung der Schöpfung von sieben Tagen von der Ordnung der Welt, in der wir leben.
Angefangen von den Ordnungen der unbelebten Natur, Licht und Dunkelheit, Land und Wasser, Himmel und Erde, über das Pflanzen- und Tierreich bis hin zum Menschen. Aber der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern am Ende steht Gott, der am siebten Tage der Schöpfungswoche von seinen Werken ruht und der am Ende zu seiner Schöpfung sagt: Siehe, es ist alles sehr gut.
In diese Ordnung ist der Mensch hinein erschaffen. Er teilt sich den sechsten Schöpfungstag mit den Tieren, mit denen er gemeinsam am Segen der Fruchtbarkeit Anteil hat, und er ist, wie ich schon sagte, nicht der Abschluss der Schöpfung, sondern Gott steht am Ende.

Heute Wollen wir nun näher darauf eingehen, was das für uns als Menschen bedeutet. Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin?
Diese Frage ist für uns Menschen von entscheidender Bedeutung: Wir können in unserem Verstand weit voraus und weit zurück denken. Wir können Ursache und Wirkung aneinander reihen und nicht nur unsere eigene Lebenszeit durchschreiten, sondern sogar Jahrhunderte oder gar Jahrtausende in die Zukunft und die Vergangenheit reisen. Für das praktische Leben hat dies entscheidende Vorteile: wir können aus der Vergangenheit lernen und wir können in die Zukunft vorausplanen. Aber auch wenn wir im Vergleich zu den Tieren über so ein mächtiges Gehirn verfügen, kann unser Denken doch nich die letzen Fragen beantworten, was ganz am Anfang und ganz am Ende steht.
Wo komme wir her? Wo gehen wir hin? Um diese Frage zu beantworten müssen wir uns die Texte von der Erschaffung bis Menschen noch einmal näher ansehen:
Lesen wir also den schon bekannten Text aus dem ersten Buch Mosel Kapitel eins: „Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich! Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alle kriechenden Tiere, die auf der Erde kriechen! Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!“ (Genesis 1:26–28 ELBER)
Aber die Erschaffung des Menschen wird noch ein zweites Mal berichtet im zweiten Kapitel: „An dem Tag, als Gott, der HERR, Erde und Himmel machte, — noch war all das Gesträuch des Feldes nicht auf der Erde, und noch war all das Kraut des Feldes nicht gesproßt, denn Gott, der HERR, hatte es noch nicht auf die Erde regnen lassen, und noch gab es keinen Menschen, den Erdboden zu bebauen; ein Dunst aber stieg von der Erde auf und bewässerte die ganze Oberfläche des Erdbodens, — da bildete Gott, der HERR, den Menschen, aus Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase Atem des Lebens; so wurde der Mensch eine lebende Seele.“ (Genesis 2:4–7 ELBER)

Warum wird dasselbe Ereignis zweimal berichtet? Es haben hier zwei unterschiedliche Erzählungen Eingang in die Bibel gefunden.
Findige Forscher haben eine unterschiedliche Entstehungszeit und Entstehungsort ausgemacht: Man kann dies besonders schön an der Bedeutung des Wassers sehen. Im ersten Kapitel ist das Wasser etwas Bedrohliches:
Gen. 1:2   Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.
Das Wasser ist hier immer schon vorhanden, und Gott muss das Trockene erst schaffen. Dieser Text stammt wahrscheinlich aus der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft im 6 Jh. vor Christus. Hier an den großen Flüssen Euphrat und Tigris, wohin die Juden verschleppt worden waren, war Wasser reichlich vorhanden, ja es konnte durch Überschwemmungen sogar zur Bedrohung werden.
Beim zweiten Text, der in Kapitel zwei Vers vier beginnt, muss Gott erst das Land befeuchten, damit etwas wachsen kann: 6 ein Dunst aber stieg von der Erde auf und bewässerte die ganze Oberfläche des Erdbodens,
Dieser Text entstand in den wasserarmen Gegenden Palästinas, wo Regen erst die Landwirtschaft möglich machte. Dieser Text, der die ganze Kapitel zwei und drei, also die Paradieserzählung, den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies umfasst, Ist einige hundert Jahre älter, aber in seiner Symbolsprache tiefer und durchdringender als der Text im Kapitel eins.

Dieser ältere Text, das werden wir gleich sehen, ist aber auch „pessimistischer“ oder sagen wir, realistischer als der Text in Mose 1:
Er enthält ein tiefsinniges Wortspiel. Der Name des ersten Menschen ist Adam, auf hebräisch einfach der Mensch. Würde man das Wort Adam ins Deutsche übersetzen, müsste man sagen: Adam, das ist der vom Ackerboden Genommene. Ackerboden das heißt auf hebräisch Adama. Wo kommen wir her? Wir kommen vom Ackerboden, d.h. in der Sprache der modernen Naturwissenschaft: Wir bestehen aus organischen und anorganischen Substanzen:

Und wo gehen wir hin? Wir werden nach dem Tod wieder in diese Substanz zerfallen. So erzählt unsere Geschichte später nach dem Sündenfall, dass Gott zu den Menschen sagt „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ (Genesis 3:19 LUTH-LEM)
Diesen Satz wiederhole ich bei jeder Beerdigung: Erde zu Erde, Asche zu Asche Staub zu Staub, so lautet die Bestattungsformel. Dahin werden wir also zurückkehren. Die Bibel ist da sehr realistisch, Man kann sogar sagen geradezu pessimistisch. Das hebräische Wort für Staub könnte man auch etwas unschön mit „Dreck“ übersetzen.
In unserer heutiger Zeit wird der Tod verdrängt. Immer wieder erlebe ich bei Beerdigungsgesprächen Menschen, die vom Tod vollkommen überrascht sind. Dabei kann jeder von uns jederzeit heimgerufen werden.
Der Mensch wird durch das Einhauchen des Lebensatem in seine Nase zu einem lebendigen Wesen. Auch das ist eine sehr feinsinnige biologische Beobachtung. Der Atem ist einer der vitalen Lebenszeichen. Da Ist die Naturwissenschaft heute weiter: Erst beim Feststellen des Hirntodes darf der Arzt verlässlich einen Totenschein z.B. für eine Organtransplantation ausstellen. Aber für unsere Vorfahren bedeutete das dauerhafte Erlöschen der Atemtätigkeit den Eintritt des Todes. Und der Atem selbst wurde zu einem Symbol für das Leben. Eine besondere Befähigung mit höheren geistigen Gaben ist in dieser alten Geschichte noch nicht gemeint.
An dieser Variante der Schöpfungsgeschichte wird auch wieder deutlich, dass der Mensch nicht viel mehr ist als ein Tier. Was ihn auszeichnet, ist seine besondere Beziehung zu Gott. Gott gibt ihm einen Auftrag: Er setzt ihn in den Garten Eden, dass er in bebaue und bewahre. Der Mensch kann, so werden mir später noch erfahren, mit Gott sprechen. Der Mensch ist der von Gott Gerufene und Berufene, das ist es, was ihn vor den Tieren auszeichnet.

Wer sind wir? Ohne unsere Beziehung zu Gott sind wir als Menschen nicht viel wert. Wir schwimmen zwar ganz oben auf der Suppe der ewig brodelten evolutionären Prozesse, bei denen aus organischen und anorganischen Substanzen Lebewesen entstehen. Aber wir können und werden auch wieder ganz schnell auf den Boden dieser Suppe sinken und in die Substanzen zerfallen, aus denen wir hervorgegangen sind.

Bei der Diskussion um die Menschenwürde ist das immer mit zu bedenken. Unsere Verfassung schreibt zwar im Grundgesetz Art. 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber dieser Satz hat seinen Bezug zur Präambel: Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben. Die Würde des Menschen hat ihre tiefen Wurzeln in unserer Verantwortung vor Gott, dem Schöpfer. Wird diese Verantwortung geleugnet, dann kommt es auch ganz schnell zu Einbrüchen bei der Menschenwürde. Das war die bittere Erfahrung des Nationalsozialismus.

Diese Menschenwürde und Gottes Beziehung drückt auch die Erzählung von der Erschaffung des Menschen aus 1.Mose eins aus; Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.
Wie ist diese Ebenbildlichkeit zu verstehen?
Vordergründig könnte man den Text so verstehen: Ebenbilder der Götter, das waren in der Antike die Statuen, die in den Tempeln aufgestellt waren. Sie waren nicht nur Statuen, sondern repräsentierten die Gottheit vollgültig. Der Mensch wäre also auf Erden der Stellvertreter Gottes und würde an Gottes Statt über die Natur, besonders die Tiere herrschen. Damit hätte der Mensch gegenüber den Tieren eine bleibende Vorrangstellung und diese wurde ihn berechtigen, die Tiere auszubeuten.
Auch die Vorstellung, das wird quasi das Spiegelbild Gottes sind und wir Menschen quasi eine Gott ähnliche Gestalt haben würden, führt nicht weiter.
Solange wir diese Stelle nur vom Menschen aus sehen, werden wir ihr nicht gerecht. Der Text sagt eben nicht, wir sind das Ebenbild Gottes, sondern Gott hat den Menschen zu seinem Ebenbild erschaffen. So ist die Aussage nicht in erster Linie eine Aussage über uns, sondern über das Tun Gottes. Oder noch einmal anders formuliert: Wir sind dazu geschaffen als Gottes Ebenbilder, als Gottes Gegenüber zu leben.
Damit stimmt nun dieser Text mit der Aussage der zweiten älteren Schöpfungsgeschichte überein, dass das, was uns als Menschen vor den Tieren auszeichnet, unsere Beziehungsfähigkeit gegenüber Gott ist. Und es ist nun die Aussage der ganzen Bibel, daß Gott an dieser Beziehung zum Menschen festhält und nicht aufhört, uns in sein Ebenbild zu schaffen.

Jesus Christus, so sagt das Neue Testamen, ist das wahre Ebenbild Gottes. Nachdem der erste Mensch Adam die Gottesebenbildlichkeit durch den Sündenfall verloren hat (Darauf kommen wir dann noch im März zusprechen) ist Christus, der Sohn Gottes, als sein wahres Ebenbild auf diese Welt gekommen. Jesus ist, so sagt es der Apostel Paulus, der zweite Adam. Durch die Taufe sind wir in Tod und Auferstehung Jesu hineingenommen und damit in den Prozess der zweiten Schöpfung, die in mit der Auferstehung Jesu Christi begonnen hat. In Jesus Christus haben wir auch die Hoffnung, dass Erde und Staub im Grab nicht unser Ende ist, sondern dass Gott uns in einem neuen Schöpfungsakt wieder aus dem Grab ins Leben rufen wird.
So beginnt die neue Schöpfung symbolisch nach Gottes Ruhetag am siebten Tag, dem Sabbat oder Samstag, am ersten Tag der neuen Woche, dem Sonntag, dem Tag der Auferstehung Christi. Durch die Beziehung zu Jesus, werden wir in sein Ebenbild und damit das Ebenbild Gottes verwandelt und erreichen so unsere Bestimmung als Menschen, der von Gott berufen ist in Ewigkeit vor Gott seinem Schöpfer zu leben.

Unser Selbstbild, so sagen die Wissenschaftler, entsteht im Laufe unseres Lebens und ist ständig Veränderungen unterworfen. Es entsteht durch unseren sozialen Austausch mit anderen. Ganz besonders natürlich in der Kindheit durch die Beziehung zu unseren Eltern und unter Geschwistern. Wir brauchen das Du, um zum Ich zu werden. Im Anderen sehen wir uns selbst und lernen uns selber wahrzunehmen. So Ist unser eigenes Bild vom Ich immer von einem Du abhängig.
Der deutsche König und römische Kaiser Friedrich II von Staufen wollte die Ursprache der Menschen herausfinden. Er ließ Waisenkinder von Kindsmägden fachgerecht versorgen, verbot ihnen aber, mit den Kindern zu sprechen oder sie zu liebkosen. Der Kaiser fand die Ursprache nicht, weil die Säuglinge starben. So brauchen wir den liebevollen Umgang mit unseren Eltern oder anderen Bezugspersonen, um zum Menschen zu werden.

Übertragen auf Gott heißt das: Weil Gott uns anspricht, werde ich zum Ich, werde ich zum Menschen. So antwortet Jesus mit einem Zitat des Alten Testaments, als ihn der Teufel versuchen will, den Hunger in der Welt mit einem Brotwunder zu stillen. „Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«“ (Matthew 4:4 LUTH-LEM)

Liebe Gemeinde! So leiten uns alle Erkenntnisse aus den Schöpfungsgeschichten dazu an, in die eine Richtung zu denken:
Das eigentliche Wunder ist nicht die biologische Erschaffung des Menschen, sondern seine Berufung als Gegenüber Gottes zu leben.
Die Erschaffung des Menschen selber wird in der Bibel relativ unspektakulär berichtet. Es tauchen zwar alte naturwissenschaftliche Erkenntnisse auf, aber die Bibel hat an den naturwissenschaftlichen Details kein großes Interesse. Die Vorstellung, dass Gott den Menschen aus dem Ackerboden geformt hat, benützt zwar einige naturwissenschaftliche Erkenntnisse, eben dass wir aus anorganischen und organischen Substanzen hervorgehen, aber die Vorstellung dass Gott uns Menschen wie ein Töpfer sein Gefäß formt wertet uns Menschen eher ab als auf.
Wir sind vor Gott wie leere Gefäße in seiner Hand. Ohne Seinen Lebensatem bleiben wir tot und leer. Erst dadurch, dass er uns seinen Geist spendet, werden und bleiben wir lebendig. Ohne seinen Lebensatem zerfallen wir zu Staub. So drängen uns beide Geschichten dazu, unsere Beziehung zu unserem Schöpfer zu überdenken.